Geschichten

Duncan Delta oder wie ist es deutsch zu sein?

Als junger Kerl war ich einstmals mit dem Motorrad unterwegs und übernachtete bei einer Tour auf einem Campingplatz. Das zugehörige Restaurant war eng bestuhlt. Da ich alleine unterwegs war, hörte ich die Gespräche vom Nachbartisch, wo sich zwei bedeutend ältere Paare miteinander unterhielten. Ich brauchte eine Weile herauszubekommen welche Sprache es war.
Plötzlich stand einer der Männer auf und schlängelte sich durch die Tische. Er kam auch bei mir vorbei und sein Geruch, bzw. der seines Tabakspfeifenrauchs blieb eine Weile. Ich mag den Geruch, obwohl ich kein Raucher bin. Bei seinem Rückweg kam er wieder an meinem Tisch vorbei und es ergab sich ein Blickkontakt, ein freundliches Nicken. Das ermutigte mich zu dem Kommentar: “Hi, you have a wonderful Pipe – is it a Falcon?”. Stolz antwortete er: “No, it’s a “Duncan Delta”. Falcon und offensichtlich auch Duncan fertigt sogenannte Formatpfeifen. Auf einen Aluminiumsteg kann der eigentlichen Pfeifenkopf aufgedreht werden. Der Rauch soll dadurch kühler werden. Technisch totaler Quatsch, aber diese Pfeifen sind ästhetisch wundervoll und leicht zu reinigen. Von einer “Duncan Delta” hatte ich allerdings noch nie gehört.
Auf jeden Fall entwickelte sich ein sehr, sehr schöner Abend der mit den Worten einer der Frauen unter zustimmendem Nicken der andern drei endete: “Du warst für uns alle eine Offenbarung. Nun können wir Frieden mit den Deutschen machen. Noch nie konnten wir so offen über unsere Gedanken, unser Leid im 2. Weltkrieg sprechen, dass uns wiederfahren ist und dabei auf so viel kenntnisreiches Verständnis bei einem selbstbewussten Deutschen stoßen. Ihr seid eine andere Generation. Wir haben viel gelernt und wenn es mehr von Deiner Sorte gibt, dann brauchen wir keine Angst mehr haben. Unseren Dank dafür!” 
Das hat mich sehr stolz gemacht, weil man offensichtlich zu seiner Herkunft, seinem kulturellen Umfeld, zur Geschichte Deutschlands stehen kann, ohne Schuld oder ohne sich ein Selbstmitleidmäntelchen überzuwerfen: “warum immer wir, wir haben doch nichts gemacht”. Ja, in meinem Pass steht “Deutscher” und ja, als Mensch trage ich die Verantwortung, daß wir zueinanderstehen und nicht ausgrenzen. Und ja, ich liebe es mit schwarzen, weissen, braunen Menschen zusammenzuleben und völlig egal an welches der metaphysische Wesen sie nun glauben. Aber glühender Patriotismus, (ich wurde in der meistzerstörten Stadt im 2. Weltkrieg geboren wurde (Düren)), liegt mir mehr als fern.
Auf jeden Fall, auch mein Herz wurde nach dem Abend leichter.
Und ich wollte unbedingt eine “Duncan Delta” haben. Ich habe ein Jahrzehnt danach gesucht, aber nie aufgegeben. Sogar auslachen haben ich mich müssen von Mitarbeitern der Kölner “House of Pipes” die strikt behaupteten: ” Wir sind weltgrößte Pfeifenhändler, aber eine “Duncan Delta” gibt es nicht.”
Jahre später war ich in einem Örtchen namens Lennep unterwegs. Da gab es einen klitzekleinen Laden, der aus der Zeit gefallen schien. Der Besitzer war sicherlich weit über 80 Jahren und verbrachte seinen Tag damit seinen Uralt-Warenbestand abzuverkaufen. Nun, was fand ich? Natürlich, eine nagelneue Duncan Delta. Ich habe sie gekauft und nie zum rauchen genutzt. Sie liegt in einem Karton in einem Schrank. Ein-, zweimal im Jahre hole ich sie heraus und schaue sie mir für zehn Minuten an, denke an den Campingplatz, an Auschwitz und Anne Frank, an mein altes Motorrad, Hermann Hager, meinen nie gekannten Großonkel der als U-Boot Fahrer ums Leben kam, an meine Mutter die den Krieg nie überwunden hat, an Lennep und die Schieferhäuser mit grünen Klappläden und an Jerusalem.
Dann lege ich die  Pfeife wieder zurück in den dunklen Karton. Aber mein Leben ist runder, kompletter geworden, weil die zufällige Begegnung auf dem Campingplatz, die Suche und der Fund mein Leben einfach reicher gemacht hat. Es ist eins meiner Lieblingstücke. Und außer Sie, weiß das keiner.


Bretodeau nicht Préduteau

Wenn wir umschreiben sollten, was ein Lieblingsstück ist, dann wird es am besten im Film, “Die fabelhafte Welt der Amelie” dargestellt. Sie erinnern sich, Amelie findet durch Zufall die Schachtel mit den Schätzen eines kleinen Jungen namens Dominque Bretodeau. Sie recherchiert und nach einem halben Jahrhundert bekommt dieser Dominique Bretodeau, nun fünfzigjährig, seine Lieblingsstücke wieder. Wir meinen, der Gesichtsausdruck bei 1:20min, sagt alles was Lieblingsstücke an Gefühlen auslösen kann.


Ist es John D.?

fifig spricht ja gerne von “Lieblingsstücken”. Bei dieser Recherche ging es jedoch weder um ein Lieblingsstück, noch überhaupt um ein Ding. Genaugenommen ging es um tote Menschen. Doch bevor wir kriminalistische oder makabre Assoziationen auslösen, hier die Geschichte. Es kam eine Jemand zu uns und wollte wissen, ob sie mit einer bestimmten Person verwandt sei, da sie denselben Nachnamen trägt. Dieser Jemand war niemand anderes, als der einst reichste Mensch der Welt – John D. Rockefeller. Unsere Auftraggeberin hatte schon etwas Stammbaumkunde, Genealogie, Heraldik betrieben, aber irgendwie kam sie nicht weiter und fragte fifig. Und fifig konnte, wollte und machte. Es waren sowohl verschlungene Pfade, viel Geheimnistuerei, übermotivierte Anwälte, verletzte Gefühle in der Nazizeit, Brände die es kompliziert machten, aber dann auch eine Portion Glück des Tüchtigen die zu Erkenntnissen führte.
Fassen wir es kurz zusammen und präsentieren das Ergebnis. Ja, die Dame ist verwandt mit John D. Rockefeller. Aber noch besser. Wir konnten die Familienzweige, bzw. deren Nachfahren glücklich zusammenführen. Die jeweiligen lebenden gutgelaunten Menschen -nicht alle sind reich und wenn doch, nicht alle sind schnöselig- treffen sich inzwischen, tauschen sich aus und haben Freude an dem neugewonnen Miteinander.